Spiritualität

Bild: H.Wang

Mein Ziel dieses Beitrages ist eine alltagstaugliche Näherung an den weiten Begriff der Spiritualität oder der spirituellen Praxis. Er erhebt daher keinen Anspruch der wissenschaftlichen Korrektheit. Aus eigener Erfahrung konnte ich die begriffliche Deutung der Spiritualität neben ein paar flüchtigen und weitgehend unstrukturierten Gedanken bisher kaum fassen. So versuche ich nun, gefüttert durch Literatur, Gespräche und Erfahrungen ein wenig mehr Klarheit zu bekommen. Vermutlich wird sich meine Deutung der Spiritualität im Laufe der Zeit verändern. Schon nach den ersten Zeilen und Rückmeldungen zu den Texten habe ich gemerkt, dass viele zunächst gedachte Selbstverständlichkeiten gar nicht so selbstverständlich und klar sind. Ich freue mich daher über Rückmeldungen und persönliche Erfahrungsberichte, um die hier dargestellte Sichtweise für mich und die interessierten Leser Zug um Zug anzupassen und zu erweitern.

Was bedeutet Spiritualität?
Schon immer sucht der Mensch nach etwas, welches als das Grundlegende für den Kosmos, die Welt und alles Leben angenommen wird. Die Suche danach ist verbunden mit einem Bestreben nach einer persönlichen Verbindung zu diesem Grundlegenden beispielsweise als Trostspender oder Quelle zum Lebenssinn. Überlieferte Religionen nennen dieses Grundlegende „Gott“ oder das „Göttliche“. Auf körperlicher Ebene ist die Verbindung zum Göttlichen nicht möglich. Daher ist es erforderlich, die körperliche Verbindung auf eine geistige Ebene zu transzendieren. Das bedeutet, einen Erfahrungsraum zu erschließen, der über unsere fünf Sinne Riechen, Hören, Schmecken, Tasten und Sehen hinausgeht. Das Erschließen dieses geistigen Erfahrungsraumes möchte ich spirituelle Praxis nennen. Abhängig von der persönlichen Einstellung, der gewählten Praxis und Übung wird diese Verbindung eine unterschiedliche Tiefe und Intensität annehmen.

Ausprägungen der spirituellen Praxis
Den Begriff der Spiritualität oder der spirituellen Praxis werde ich für diese Betrachtung ohne jede Wertung in drei grobe Ausprägungen unterteilen.

Spiritualität als Ritual
Rituale sind feste Gewohnheiten als Haltgeber im täglichen Leben. Spirituelle Rituale können eher oberflächlich sein, wie das anlassbezogene Anzünden einer Kerze als Bittsteller an die Göttlichkeit oder tiefergehend, Gebete zu festen Tageszeiten, regelmäßige spirituell geprägte Fastenzeiten, wöchentliche Kirchenbesuche oder jährlich wiederkehrende Festtage zu Weihnachten, Ostern usw. Ebenso lebensabschnittbezogene Rituale wie beispielsweise die Taufe, die Hochzeit oder die Trauerfeier. Diese spirituelle Praxis hat häufig einen religiösen Hintergrund und die entsprechenden Riten sind an einen persönlichen Glauben oder eine Glaubensrichtung gebunden. Die transzendenten Aspekte dieser Rituale erschließen sich über unser Wissen um deren Zeitlosigkeit als jahrhundertealte mythische Tradition in der Vergangenheit und deren Fortleben in der Zukunft.

Spiritualität als geistige Haltung beispielsweise durch vollständige Hingabe oder die gesteigerte Bewusstseinspraxis
Vollständige Hingabe als Weg zu einem erfüllten und spirituellen Leben meint hier traditionell die bedingungslose Hingabe gegenüber dem Göttlichen. Die eigenen Interessen treten vollständig in den Hintergrund. Vielleicht sind die Lebensweisen von Nonnen, Mönchen und die der indischen Gurus hier passende Beispiele. Mit steigender kognitiver Bildung wird diese Praxis der bedingungslosen Hingabe zunehmend schwierig bis unmöglich.
Die Praxis der Spiritualität als Ergebnis einer Steigerung des Bewusstseins oder Bewusstmachens entspricht vermutlich eher unserem Zeitgeist. In dieser Praxis geht es darum, das tägliche Handeln und Erleben nicht unbewusst automatisierten geistigen Abläufen zu überlassen, sondern in hohem Bewusstsein zu erleben und aufmerksam deren Sinn und Auswirkung zu hinterfragen und ein tiefes Verstehen zu erreichen. Spirituelles Wachstum wird sich so quasi selbstverständlich in das tägliche Leben integrieren. Die Praxis der gesteigerten Bewusstmachung im Alltag ist weitgehend von religiösen Konzepten gelöst.

Spiritualität als Zustandserfahrung beispielsweise in der Mediationspraxis
Meditation bedeutet die geschulte Erreichung von Bewusstseinszuständen. Angeleitet durch die Praxis und Erfahrung meditativer Traditionen ist der Meditierende so in der Lage, bestimmte Bewusstseinszustände gezielt zu erreichen. Die Bewusstseinszustände reichen von Körpergewahrseinsübungen, über Konzentrationstraining, der Verstandesberuhigung, der Auflösung der Raum-Zeit Wahrnehmung bis hin zur All-Verbundenheit, also der Erleuchtung.
Der Weg dieser spirituellen Praxis beinhaltet nicht selten sogenannte Gipfelerfahrungen. Das bedeutet, dass im Rahmen des spirituellen Prozesses die Intensität der Zustandserfahrung zunächst nur zufällig und unkontrolliert auf einen nächsten Höhepunkt gesteigert wird. Mit zunehmender Praxis erreicht man bestimmte meditative Zustände zielgerichtet und verlässlich. So ist eine stufenweise Steigerung des meditativen Zustandes möglich.

Spirituelle Ebenen
Heute fragte ich eine langjährige Freundin nach ihren spirituellen Erfahrungen. Sie konnte mir aber nur von dem Engelsglauben ihrer über 80-jährigen Mutter berichten. Auch ich kann nicht spontan über bewusste spirituelle Erfahrungen berichten. Woran liegt das?
Ein Antwortversuch: In den letzten 100 - 200 Jahren hat sich das kognitive Weltwissen und damit der menschliche Intellekt enorm entwickelt. Die Linie der spirituellen Intelligenz ist aber weitgehend auf der Höhe der mythischen Spiritualität stehengeblieben. Die großen Weltreligionen haben keine angepassten spirituellen Ebenen entwickelt und angeboten, die der kognitiven Entwicklung der Menschen entsprechen. So entspringen noch heute die ersten Gedanken bei der Frage nach Spiritualität einer mythischen Weltsicht. Engel, Heilige, Paradies, Himmel, Hölle usw.
Für unsere sich durch Rationalismus und Pluralität auszeichnende Weltsicht gibt es daher keine greifbaren spirituellen Entsprechungen. Keine Begriffe und Bilder, die zeitgenössisch den Begriff der Spiritualität assoziieren. Nichts! Dabei ist es nicht so, dass es heute kein Verlangen nach Spiritualität und der höchsten Wahrheit mehr gäbe. Spirituelle Praxis ist vermutlich nötiger denn je. Nein, die der kognitiven Entwicklung entsprechende Entwicklung der spirituellen Intelligenz und die zeitgenössische vorsichtige Anpassung der spirituellen Rituale wurde nicht weitergeführt und ist nun einfach nicht da.

Zeitgenössische Spiritualität
Wie könnte solch eine rationale und pluralistische geprägte Spiritualität aussehen? Das Göttliche als allwissende und das persönliche Schicksal regelnde Instanz tritt dabei wohl eher in den Hintergrund. Ich möchte mir an dieser Stelle nicht anmaßen, konkrete Vorschläge zu entwickeln. Das ist die Aufgabe der in diesem Feld einzig glaubhaften Instanz, der Religionen.

Dennoch möchte ich einige persönliche Wünsche an eine zeitgenössische Spiritualität äußern.
Ich wünsche mir als zeitgenössische spirituelle Praxis

=> Die Anerkennung der Menschen als integralen Teil der Natur verbunden mit großer Ehrfurcht vor der belebten und unbelebten Natur.
=> Die Einordnung der Menschen als Diener und Beschützer unseres gemeinsamen Lebensraumes.
=> Eine zeitgenössischen Spiritualität als Motiv und Richtungsgeber für unser tägliches Handeln.
=> Die Stärkung der Einsicht, dass dauerhaftes Glück und Lebenssinn nicht im Materiellen zu finden sind.

Die Evolution einer zeitgenössischen Spiritualität soll nicht bedeuten, dass die mythische Spiritualität damit überflüssig ist. Nein, im Rahmen unserer geistigen Entwicklung brauchen wir auch mythische und vielleicht sogar magische spirituelle Elemente. Deren Schaffung und deren Vorstellungswelten sind große Leistungen der Religionen.

Badetag

Zinkbadewanne
Bild: H.P. Zehnter

Den Erzählungen meiner Mutter zu Folge hatte sie am Familien-Badetag immer schlechte Karten. Dies lag wohl daran, dass die große Zinkbadewanne zu befüllen, damals eine aufwändige Prozedur war. Der Kohleofen musste zunächst angefeuert werden, dann wurden große Bottiche mit Wasser auf dem Ofen erhitzt, zum Schluss musste das Wasser zur Badewanne getragen werden. Bis die Badewanne einigermaßen gefüllt war, hatte man schon gut zu tun.
Verständlich, dass man diese Prozedur nicht bei jedem Badenden aufs Neue wiederholen konnte. Man badete der Reihe nach. Meine Mutter war das jüngste von fünf Kindern und kam somit als letztes in die Wanne.
Möglicherweise rührte daher auch ihre spätere Vorliebe fürs Baden. Davon wich sie auch nicht ab, als wir endlich durch den Umbau unseres Hauses ein neu angelegtes Badezimmer bekamen, diesmal mit einer Dusche. Obwohl alle Familienmitglieder von dieser neuen Errungenschaft begeistert waren, konnte das Duschen in meiner Mutter keine Anhängerin gewinnen. Um nichts auf der Welt wollte sie auf diesen Genuss verzichten: gemütlich in der Wanne zu liegen, jederzeit etwas heißes Wasser nachlaufen lassen zu können und nicht zuletzt der besondere Luxus, sich in ihrem eigenen Badewasser säubern zu können.
Birgit

Rettungsinseln

Rettungsinseln im Strom Bild: H.Wang

Der Fluss des Lebens fließt nicht immer gleichmäßig dahin. Manchmal dümpelt man auf seinem kleinen Floß dahin und hat das Gefühl, nicht vorwärtszukommen. Manchmal gibt es im Leben aber auch Phasen, in denen der Fluss Fahrt aufnimmt und einen auf seinem kleinen Floß geradezu mitreißt. So lange man sich bei diesem schnelleren Tempo wohlfühlt, die schnelle Fahrt genießt und die Stromschnellen meistert, stellt sich kein Problem. Was aber, wenn das Tempo zu schnell für einen wird, wenn man durch die Kraft des Flusses herumgeschleudert wird und man das Gefühl hat, nur noch ein Spielball der Wellen zu sein, ohne die Möglichkeit korrigierend eingreifen zu können, um in ruhigere Gewässer zu kommen?
In diesen Momenten des Lebens ist es gut, wenn man weiß, wo Rettungsinseln zu finden sind. Rettungsinseln, die es einem erlauben, diesem vereinnahmenden Sog zu entkommen, anzulegen, abzuwarten, bis der Fluss wieder eine normale Geschwindigkeit angenommen hat. Eine solche Rettungsinsel, auf die man jeden Tag hüpfen kann, ist die Kraft der Rituale. Kleine persönliche Rituale, mit denen man den Tag beginnt oder die man in seinen Tagesablauf einbaut. Sie ermöglichen es einem, sich abzugrenzen, sich auszuklinken aus der ständigen Betriebsamkeit und seinen Tag so zu strukturieren, dass der Lebensfluss einen trägt, aber nicht fortreißt.

Birgit

Markus und der Eimer der Befreiung

Ein Blecheimer mit Küchenessern gefüllt
Der Eimer der Befreiung Bild: H.P. Zehnter

Mein Freund Markus betreibt einen hübschen kleinen Laden im Dortmunder Kreuzviertel.

Markus liebt Messer. Und so verkauft Markus seine Lieblingsstücke für jeden Zweck. Messer für die Küche, für den Abenteurer, für die Rasur, für dies und das. Markus erkennt die schlecht rasierten Männer auf einen Blick. Das Werkzeug muss stimmen sagt er – sonst leidet die Männerhaut.

Kürzlich haben wir uns über Gott und die Welt unterhalten. Dazu muss man wissen – Markus ist auch eine soziale Institution im Viertel. Bei ihm laufen viele Drähte zusammen und man trifft sich gerne.

Häufig wird Markus von seinen Kunden nach der Qualität der mitgebrachten Küchenmesser gefragt. Bei guten Messern lohnt sich noch ein Nachschärfen.  Viele der begutachteten Messer landen aber in dem „Eimer der Befreiung“. Meist importierte Billigware. Die Aufarbeitung lohnt sich einfach nicht mehr.

Die Idee vom „Eimer der Befreiung“ fand ich genial - nun habe ich ihn auch bei mir Zuhause etabliert. Nicht für Messer, aber für alle alltäglichen Dinge, die mich eigentlich nur noch belasten. Alle paar Wochen wird der Inhalt abschließend entsorgt. Bis dahin kann ich es mir ja immer noch gut überlegen ….

Hans-Peter

Und immer wieder

Bild: Hans-Peter Zehnter

Und immer wieder
schenke ich den Menschen
bekannten und unbekannten
ein Lächeln.
Mache mich
verwundbar,
lege eine Spur
zu meinem Herzen.
Nicht immer fällt die Reaktion aus wie erhofft.
Manch schroffe Bemerkung
manch abweisendes Gesicht
erhält mein Lächeln
zur Antwort
findet seinen Weg zu meinem Herzen.
Brennt, sticht, bohrt sich ein
Und immer wieder -
schenke ich den Menschen ein Lächeln.

Birgit

Wege aus der Dinglichkeit

Dieses Foto zeigt das Gewölbe einer Klosterkirche
Gewölbe einer Klosterkirche im Burgund

In den letzten Ferien hat es meine Frau und mich nach Frankreich in das Burgund gezogen. Das Wetter hat sich ausnahmsweise von einer sehr schönen Seite gezeigt. Die Region ist geprägt von sehr alten Kirchen und Klöstern. Wir haben uns viele dieser uralten Bauwerke angesehen. Nun war ich eher zufällige einige Tage zuvor auf beeindruckende Worte eines indischen Gelehrten gestoßen. Er versuchte in einem Interview die Frage zu beantworten, warum solche sakralen Bauwerke überhaupt von den Menschen gebaut worden sind. Sein Antwortversuch ging mir bei den Besichtigungen immer wieder durch den Kopf. Der indische Gelehrte sieht uns Menschen umgeben von der dinglichen Welt, die wir mit unseren fünf Sinnen erfassen können. Diese dingliche Welt scheint uns heute als einzige Wahrheit. Für ihn schaffen kunstvoll errichtete Bauwerke wie Kirchen, Klöster und Tempel Räume, an denen diese als einzig empfundene Wahrheit dünn und transparent wird. Wir erahnen an diesen Orten eine weitere spirituelle Dimension. Die Bauwerke sind sozusagen als Durchgänge geschaffen, durch die man die dingliche Welterfahrung viel leichter verlassen kann. Mit kunstvoller Musik, Chorgesang und Meditation sind wir an solchen Orten in der Lage, in diese spirituelle Dimension einzudringen – sozusagen in eine andere Welt zu transzendieren. Bei unseren Besuchen hatte ich dieses schöne Bild immer vor Augen. Vielleicht werden mir mit einiger Übung auch später einmal solche Ausflüge aus der Dinglichkeit heraus gelingen. Wird nicht für alte, insbesondere hochaltrige Menschen diese dingliche Welthülle ohnehin immer durchlässiger? Sind nicht viele ihrer Erzählungen das Ergebnis dieser Reisen über die Grenzen des Dinglichen? Und wäre es nicht schön, viel mehr von diesen transzendenten Reiseerfahrungen zu hören?

Hans-Peter

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Der ultimative Ehrentitel

Eine Kurzgeschichte

Der Supermarkt hatte gerade geöffnet, als ich schon vor der Arbeit die Einkäufe für das Abendessen besorgen wollte. In der Gemüseabteilung hatte der Verkäufer den Rollwagen mit Blumenkohl und Wirsing so ungünstig platziert, dass ich mit dem Einkaufswagen nicht vorbeikam. „Junger Mann, könnten Sie wohl den Wagen etwas beiseiteschieben?“ Der junge Mann, Mitte 20, rangierte den Rollwagen sofort ein Stück weiter, um mir den Weg freizugeben. Eine alltägliche Szene. Die Anrede „junger Mann“, die mir spontan über die Lippen gekommen war, hätte meine chinesische Kollegin vor große Probleme gestellt. „Junger Mann“: so kann sie niemanden ansprechen. In ihrer Kultur ist die Tatsache, jung zu sein, nichts, worauf man stolz sein kann. Jung zu sein bedeutet, noch keine Erfahrungen gesammelt zu haben, noch nicht im Leben angekommen zu sein, noch keine Verantwortung für sich oder andere übernommen zu haben. Es käme einer Beleidigung gleich, jemanden mit der Anrede „junger Mann“ oder „junge Frau“ ausgerechnet auf diesen Missstand, ja auf dieses Defizit hinzuweisen.

Es versteht sich von selbst, dass Jungsein erst recht nichts ist, worauf man neidisch sein sollte. Dies bringt mich zu meiner Freundin Silvia. Silvias Tochter erwartet ihr erstes Kind und bei einem Kaffee haben Silvia und ich versucht uns auszumalen, wie es wird, wenn ihr erstes Enkelkind geboren sein wird. Bei all den Veränderungen, die auch auf meine Freundin zukommen werden, war eine Frage für sie von besonderer Wichtigkeit. Wie sollte ihr zukünftiges Enkelkind sie nennen? Für meine Freundin stand fest, dass es auf gar keinen Fall die Anrede „Oma“ sein solle. Oma, das klinge so alt, so alt sei sie ja noch gar nicht, erst Mitte 50, da habe sie rein statistisch noch fast 30 Lebensjahre vor sich, vielleicht auch mehr, da es bei ihr keine familiär bedingten Risikofaktoren wie Krebs- oder Herzerkrankungen gäbe. Nein, Oma, das klänge doch sehr altbacken und passe so gar nicht zu ihr, die sie ja noch voll im Erwerbsleben stünde und aktiv ihr Leben gestalte. Ihre Mutter, ja die wäre damals, als Cornelia auf die Welt kam, eine Oma gewesen. Die grauen Haare, die füllige Statur, die auch dadurch bedingt war, dass sie damals schon nicht mehr so gut laufen konnte – auf ihre Mutter hätte diese Bezeichnung absolut gepasst. Aber auf sie doch nicht. Da lägen doch Welten dazwischen. Ich weiß noch, wie sie sehr bestimmt ihre Kaffeetasse absetzte und verkündete, ihr Enkelkind solle sie später einmal mit ihrem Vornamen ansprechen.

In dem Moment ist mir wieder meine chinesische Kollegin in den Sinn gekommen. Cheng Yan respektiert und ehrt ihre Eltern, aber der Begriff „Opa“ oder „Oma“ ist ein ultimativer Ehrentitel. Wie viel Lebenserfahrung, wie viel Fürsorge für das eigene Kind, wie viel Aufopferung für die Familie beinhaltet dieses Wort in der chinesischen Kultur. Eine fremde, ältere Person mit Oma oder Opa anzureden, zeugt von unbedingtem Respekt dem Alter gegenüber und wird als Auszeichnung verstanden.

Vielleicht wäre dieses Verständnis des Alters auch eine Hilfe für Silvia und ihr Enkelkind. Silvias Enkeltochter ist jetzt in der Lage zu sprechen, aber sie kann den Namen „Silvia“ noch nicht richtig aussprechen. Für sie ist ihre Oma jetzt „Silly“.

Birgit

 

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