Wege aus der Dinglichkeit

Dieses Foto zeigt das Gewölbe einer Klosterkirche
Gewölbe einer Klosterkirche im Burgund

In den letzten Ferien hat es meine Frau und mich nach Frankreich in das Burgund gezogen. Das Wetter hat sich ausnahmsweise von einer sehr schönen Seite gezeigt. Die Region ist geprägt von sehr alten Kirchen und Klöstern. Wir haben uns viele dieser uralten Bauwerke angesehen. Nun war ich eher zufällige einige Tage zuvor auf beeindruckende Worte eines indischen Gelehrten gestoßen. Er versuchte in einem Interview die Frage zu beantworten, warum solche sakralen Bauwerke überhaupt von den Menschen gebaut worden sind. Sein Antwortversuch ging mir bei den Besichtigungen immer wieder durch den Kopf. Der indische Gelehrte sieht uns Menschen umgeben von der dinglichen Welt, die wir mit unseren fünf Sinnen erfassen können. Diese dingliche Welt scheint uns heute als einzige Wahrheit. Für ihn schaffen kunstvoll errichtete Bauwerke wie Kirchen, Klöster und Tempel Räume, an denen diese als einzig empfundene Wahrheit dünn und transparent wird. Wir erahnen an diesen Orten eine weitere spirituelle Dimension. Die Bauwerke sind sozusagen als Durchgänge geschaffen, durch die man die dingliche Welterfahrung viel leichter verlassen kann. Mit kunstvoller Musik, Chorgesang und Meditation sind wir an solchen Orten in der Lage, in diese spirituelle Dimension einzudringen – sozusagen in eine andere Welt zu transzendieren. Bei unseren Besuchen hatte ich dieses schöne Bild immer vor Augen. Vielleicht werden mir mit einiger Übung auch später einmal solche Ausflüge aus der Dinglichkeit heraus gelingen. Wird nicht für alte, insbesondere hochaltrige Menschen diese dingliche Welthülle ohnehin immer durchlässiger? Sind nicht viele ihrer Erzählungen das Ergebnis dieser Reisen über die Grenzen des Dinglichen? Und wäre es nicht schön, viel mehr von diesen transzendenten Reiseerfahrungen zu hören?

Hans-Peter

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Der ultimative Ehrentitel

Eine Kurzgeschichte

Der Supermarkt hatte gerade geöffnet, als ich schon vor der Arbeit die Einkäufe für das Abendessen besorgen wollte. In der Gemüseabteilung hatte der Verkäufer den Rollwagen mit Blumenkohl und Wirsing so ungünstig platziert, dass ich mit dem Einkaufswagen nicht vorbeikam. „Junger Mann, könnten Sie wohl den Wagen etwas beiseiteschieben?“ Der junge Mann, Mitte 20, rangierte den Rollwagen sofort ein Stück weiter, um mir den Weg freizugeben. Eine alltägliche Szene. Die Anrede „junger Mann“, die mir spontan über die Lippen gekommen war, hätte meine chinesische Kollegin vor große Probleme gestellt. „Junger Mann“: so kann sie niemanden ansprechen. In ihrer Kultur ist die Tatsache, jung zu sein, nichts, worauf man stolz sein kann. Jung zu sein bedeutet, noch keine Erfahrungen gesammelt zu haben, noch nicht im Leben angekommen zu sein, noch keine Verantwortung für sich oder andere übernommen zu haben. Es käme einer Beleidigung gleich, jemanden mit der Anrede „junger Mann“ oder „junge Frau“ ausgerechnet auf diesen Missstand, ja auf dieses Defizit hinzuweisen.

Es versteht sich von selbst, dass Jungsein erst recht nichts ist, worauf man neidisch sein sollte. Dies bringt mich zu meiner Freundin Silvia. Silvias Tochter erwartet ihr erstes Kind und bei einem Kaffee haben Silvia und ich versucht uns auszumalen, wie es wird, wenn ihr erstes Enkelkind geboren sein wird. Bei all den Veränderungen, die auch auf meine Freundin zukommen werden, war eine Frage für sie von besonderer Wichtigkeit. Wie sollte ihr zukünftiges Enkelkind sie nennen? Für meine Freundin stand fest, dass es auf gar keinen Fall die Anrede „Oma“ sein solle. Oma, das klinge so alt, so alt sei sie ja noch gar nicht, erst Mitte 50, da habe sie rein statistisch noch fast 30 Lebensjahre vor sich, vielleicht auch mehr, da es bei ihr keine familiär bedingten Risikofaktoren wie Krebs- oder Herzerkrankungen gäbe. Nein, Oma, das klänge doch sehr altbacken und passe so gar nicht zu ihr, die sie ja noch voll im Erwerbsleben stünde und aktiv ihr Leben gestalte. Ihre Mutter, ja die wäre damals, als Cornelia auf die Welt kam, eine Oma gewesen. Die grauen Haare, die füllige Statur, die auch dadurch bedingt war, dass sie damals schon nicht mehr so gut laufen konnte – auf ihre Mutter hätte diese Bezeichnung absolut gepasst. Aber auf sie doch nicht. Da lägen doch Welten dazwischen. Ich weiß noch, wie sie sehr bestimmt ihre Kaffeetasse absetzte und verkündete, ihr Enkelkind solle sie später einmal mit ihrem Vornamen ansprechen.

In dem Moment ist mir wieder meine chinesische Kollegin in den Sinn gekommen. Cheng Yan respektiert und ehrt ihre Eltern, aber der Begriff „Opa“ oder „Oma“ ist ein ultimativer Ehrentitel. Wie viel Lebenserfahrung, wie viel Fürsorge für das eigene Kind, wie viel Aufopferung für die Familie beinhaltet dieses Wort in der chinesischen Kultur. Eine fremde, ältere Person mit Oma oder Opa anzureden, zeugt von unbedingtem Respekt dem Alter gegenüber und wird als Auszeichnung verstanden.

Vielleicht wäre dieses Verständnis des Alters auch eine Hilfe für Silvia und ihr Enkelkind. Silvias Enkeltochter ist jetzt in der Lage zu sprechen, aber sie kann den Namen „Silvia“ noch nicht richtig aussprechen. Für sie ist ihre Oma jetzt „Silly“.

Birgit

 

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