Alle Jahre wieder II

Bild: H.P. Zehnter

Manche Dinge ändern sich nicht. Auch wenn ich zu den konservativen Weihnachtsdekoriererinnen gehöre, die jedes Jahr aufs Neue ihre einmal erworbene Weihnachtsdekoration verwenden, so gesellt sich doch immer wieder auch ein neuer Deko-Artikel dazu, wofür dann ältere Dekorationen das Nachsehen haben, und weil sie aktuell keine Verwendung mehr finden, ein vernachlässigtes Leben auf dem Grund meiner Dekorationskiste fristen müssen. Ich bin mir meiner Schuld bewusst, versuche aber meine Schuldgefühle dadurch zu mindern, dass ich mir sage, ein solches Verhalten sei ganz normal und gelegentlich müsse man auch für etwas Neues Platz machen.
Letztens aber habe ich die Meisterin in der Kunst des Bewahrens besucht. Als die Kinder noch im Kindergarten waren, hatten sie sich mit einem Mädchen angefreundet, dessen Mutter ein großer Weihnachtsfan war. Jedes Jahr nahm sie sich vor der Adventszeit einen Urlaubstag, um ihre Wohnung weihnachtlich zu dekorieren. Ich hatte diese Bekannte, seitdem unsere Kinder den Kindergarten verlassen hatten, nur noch sporadisch gesehen. Dabei hatte es sich nie ergeben, dass ich in der Adventszeit bei ihr zu Besuch gewesen wäre. Nun aber hatte ich eine Einladung für den Samstag vor dem ersten Advent.
Schon als ich auf das Haus zulief, warf mir das im Vorgarten platzierte Rentier mit Schlitten einen freudigen Blick des Wiedererkennens zu. An der Dielentür wurde ich von dem dort sitzenden Weihnachtsmann als alte Bekannte begrüßt, die heiligen drei Könige samt Kamelen und Morgenstern wiesen mir den Weg durch den Korridor ins Wohnzimmer, wo sich ohne Unterlass die hölzerne Weihnachtspyramide im Fenster drehte, der bereits fertig dekorierte Weihnachtsbaum schaute vertraut von der Terrasse herein. Die Tischdekoration erstreckte sich vom Wohnzimmertisch über den Esstisch bis zum Küchentisch und der im Küchenfenster hängende blinkende Stern schien mir signalisieren zu wollen: Hier hat sich nichts verändert, hier ist alles genau so, wie du es in Erinnerung hast. Hier steht die Zeit still.
Birgit

Spiritualität

Bild: H.Wang

Mein Ziel dieses Beitrages ist eine alltagstaugliche Näherung an den weiten Begriff der Spiritualität oder der spirituellen Praxis. Er erhebt daher keinen Anspruch der wissenschaftlichen Korrektheit. Aus eigener Erfahrung konnte ich die begriffliche Deutung der Spiritualität neben ein paar flüchtigen und weitgehend unstrukturierten Gedanken bisher kaum fassen. So versuche ich nun, gefüttert durch Literatur, Gespräche und Erfahrungen ein wenig mehr Klarheit zu bekommen. Vermutlich wird sich meine Deutung der Spiritualität im Laufe der Zeit verändern. Schon nach den ersten Zeilen und Rückmeldungen zu den Texten habe ich gemerkt, dass viele zunächst gedachte Selbstverständlichkeiten gar nicht so selbstverständlich und klar sind. Ich freue mich daher über Rückmeldungen und persönliche Erfahrungsberichte, um die hier dargestellte Sichtweise für mich und die interessierten Leser Zug um Zug anzupassen und zu erweitern.

Was bedeutet Spiritualität?
Schon immer sucht der Mensch nach etwas, welches als das Grundlegende für den Kosmos, die Welt und alles Leben angenommen wird. Die Suche danach ist verbunden mit einem Bestreben nach einer persönlichen Verbindung zu diesem Grundlegenden beispielsweise als Trostspender oder Quelle zum Lebenssinn. Überlieferte Religionen nennen dieses Grundlegende „Gott“ oder das „Göttliche“. Auf körperlicher Ebene ist die Verbindung zum Göttlichen nicht möglich. Daher ist es erforderlich, die körperliche Verbindung auf eine geistige Ebene zu transzendieren. Das bedeutet, einen Erfahrungsraum zu erschließen, der über unsere fünf Sinne Riechen, Hören, Schmecken, Tasten und Sehen hinausgeht. Das Erschließen dieses geistigen Erfahrungsraumes möchte ich spirituelle Praxis nennen. Abhängig von der persönlichen Einstellung, der gewählten Praxis und Übung wird diese Verbindung eine unterschiedliche Tiefe und Intensität annehmen.

Ausprägungen der spirituellen Praxis
Den Begriff der Spiritualität oder der spirituellen Praxis werde ich für diese Betrachtung ohne jede Wertung in drei grobe Ausprägungen unterteilen.

Spiritualität als Ritual
Rituale sind feste Gewohnheiten als Haltgeber im täglichen Leben. Spirituelle Rituale können eher oberflächlich sein, wie das anlassbezogene Anzünden einer Kerze als Bittsteller an die Göttlichkeit oder tiefergehend, Gebete zu festen Tageszeiten, regelmäßige spirituell geprägte Fastenzeiten, wöchentliche Kirchenbesuche oder jährlich wiederkehrende Festtage zu Weihnachten, Ostern usw. Ebenso lebensabschnittbezogene Rituale wie beispielsweise die Taufe, die Hochzeit oder die Trauerfeier. Diese spirituelle Praxis hat häufig einen religiösen Hintergrund und die entsprechenden Riten sind an einen persönlichen Glauben oder eine Glaubensrichtung gebunden. Die transzendenten Aspekte dieser Rituale erschließen sich über unser Wissen um deren Zeitlosigkeit als jahrhundertealte mythische Tradition in der Vergangenheit und deren Fortleben in der Zukunft.

Spiritualität als geistige Haltung beispielsweise durch vollständige Hingabe oder die gesteigerte Bewusstseinspraxis
Vollständige Hingabe als Weg zu einem erfüllten und spirituellen Leben meint hier traditionell die bedingungslose Hingabe gegenüber dem Göttlichen. Die eigenen Interessen treten vollständig in den Hintergrund. Vielleicht sind die Lebensweisen von Nonnen, Mönchen und die der indischen Gurus hier passende Beispiele. Mit steigender kognitiver Bildung wird diese Praxis der bedingungslosen Hingabe zunehmend schwierig bis unmöglich.
Die Praxis der Spiritualität als Ergebnis einer Steigerung des Bewusstseins oder Bewusstmachens entspricht vermutlich eher unserem Zeitgeist. In dieser Praxis geht es darum, das tägliche Handeln und Erleben nicht unbewusst automatisierten geistigen Abläufen zu überlassen, sondern in hohem Bewusstsein zu erleben und aufmerksam deren Sinn und Auswirkung zu hinterfragen und ein tiefes Verstehen zu erreichen. Spirituelles Wachstum wird sich so quasi selbstverständlich in das tägliche Leben integrieren. Die Praxis der gesteigerten Bewusstmachung im Alltag ist weitgehend von religiösen Konzepten gelöst.

Spiritualität als Zustandserfahrung beispielsweise in der Mediationspraxis
Meditation bedeutet die geschulte Erreichung von Bewusstseinszuständen. Angeleitet durch die Praxis und Erfahrung meditativer Traditionen ist der Meditierende so in der Lage, bestimmte Bewusstseinszustände gezielt zu erreichen. Die Bewusstseinszustände reichen von Körpergewahrseinsübungen, über Konzentrationstraining, der Verstandesberuhigung, der Auflösung der Raum-Zeit Wahrnehmung bis hin zur All-Verbundenheit, also der Erleuchtung.
Der Weg dieser spirituellen Praxis beinhaltet nicht selten sogenannte Gipfelerfahrungen. Das bedeutet, dass im Rahmen des spirituellen Prozesses die Intensität der Zustandserfahrung zunächst nur zufällig und unkontrolliert auf einen nächsten Höhepunkt gesteigert wird. Mit zunehmender Praxis erreicht man bestimmte meditative Zustände zielgerichtet und verlässlich. So ist eine stufenweise Steigerung des meditativen Zustandes möglich.

Spirituelle Ebenen
Heute fragte ich eine langjährige Freundin nach ihren spirituellen Erfahrungen. Sie konnte mir aber nur von dem Engelsglauben ihrer über 80-jährigen Mutter berichten. Auch ich kann nicht spontan über bewusste spirituelle Erfahrungen berichten. Woran liegt das?
Ein Antwortversuch: In den letzten 100 - 200 Jahren hat sich das kognitive Weltwissen und damit der menschliche Intellekt enorm entwickelt. Die Linie der spirituellen Intelligenz ist aber weitgehend auf der Höhe der mythischen Spiritualität stehengeblieben. Die großen Weltreligionen haben keine angepassten spirituellen Ebenen entwickelt und angeboten, die der kognitiven Entwicklung der Menschen entsprechen. So entspringen noch heute die ersten Gedanken bei der Frage nach Spiritualität einer mythischen Weltsicht. Engel, Heilige, Paradies, Himmel, Hölle usw.
Für unsere sich durch Rationalismus und Pluralität auszeichnende Weltsicht gibt es daher keine greifbaren spirituellen Entsprechungen. Keine Begriffe und Bilder, die zeitgenössisch den Begriff der Spiritualität assoziieren. Nichts! Dabei ist es nicht so, dass es heute kein Verlangen nach Spiritualität und der höchsten Wahrheit mehr gäbe. Spirituelle Praxis ist vermutlich nötiger denn je. Nein, die der kognitiven Entwicklung entsprechende Entwicklung der spirituellen Intelligenz und die zeitgenössische vorsichtige Anpassung der spirituellen Rituale wurde nicht weitergeführt und ist nun einfach nicht da.

Zeitgenössische Spiritualität
Wie könnte solch eine rationale und pluralistische geprägte Spiritualität aussehen? Das Göttliche als allwissende und das persönliche Schicksal regelnde Instanz tritt dabei wohl eher in den Hintergrund. Ich möchte mir an dieser Stelle nicht anmaßen, konkrete Vorschläge zu entwickeln. Das ist die Aufgabe der in diesem Feld einzig glaubhaften Instanz, der Religionen.

Dennoch möchte ich einige persönliche Wünsche an eine zeitgenössische Spiritualität äußern.
Ich wünsche mir als zeitgenössische spirituelle Praxis

=> Die Anerkennung der Menschen als integralen Teil der Natur verbunden mit großer Ehrfurcht vor der belebten und unbelebten Natur.
=> Die Einordnung der Menschen als Diener und Beschützer unseres gemeinsamen Lebensraumes.
=> Eine zeitgenössischen Spiritualität als Motiv und Richtungsgeber für unser tägliches Handeln.
=> Die Stärkung der Einsicht, dass dauerhaftes Glück und Lebenssinn nicht im Materiellen zu finden sind.

Die Evolution einer zeitgenössischen Spiritualität soll nicht bedeuten, dass die mythische Spiritualität damit überflüssig ist. Nein, im Rahmen unserer geistigen Entwicklung brauchen wir auch mythische und vielleicht sogar magische spirituelle Elemente. Deren Schaffung und deren Vorstellungswelten sind große Leistungen der Religionen.

Alle Jahre wieder (I)

Papierleuchte Bild: H.P. Zehnter

Manche Dinge ändern sich nicht. Sobald der Advent naht, laufe ich in den Keller, hole die große Kiste aus dem Regal und trage sie ins Wohnzimmer. Dort schaue ich mir meine im Laufe der Jahre gesammelten Schätze an und entscheide, welche ich davon in diesem Jahr verwenden werde. Nicht alles, was sich in der Kiste befindet, kommt auch zum Einsatz, aber doch vieles. Die Krippenfiguren natürlich, die ich vor Jahren selbst gegossen und bemalt habe, der klassische rot-weiße Baumschmuck, der große rote Weihnachtsstern für das Fenster.
Erstaunlicherweise befindet sich unter meiner gekauften Weihnachtsdekoration nun seit einem Jahr auch wieder Selbstgebasteltes. Kleine und große Weihnachtssterne aus Transparentpapier, aus Schmuckdraht gebogene Engel sowie Waldorf-Laternen, die ihr mildes Licht verbreiten.
Obwohl die Kinder aus dem Haus sind und sich noch keine Enkelkinder angekündigt haben, sitze ich da und bastle. Woher nur kommt dieser Drang, eigenen Weihnachtsschmuck zu produzieren, der in seiner Unperfektheit doch so weit entfernt ist von dem vorgefertigten und käuflichen Weihnachtsschmuck?
Vielleicht rührt es genau daher, aus dem Wunsch, einen kleinen persönlichen Beitrag zu leisten, der mit seinem meditativen Charakter so sehr in diese vorweihnachtliche Zeit passt.
Birgit