Der ultimative Ehrentitel

Eine Kurzgeschichte

Der Supermarkt hatte gerade geöffnet, als ich schon vor der Arbeit die Einkäufe für das Abendessen besorgen wollte. In der Gemüseabteilung hatte der Verkäufer den Rollwagen mit Blumenkohl und Wirsing so ungünstig platziert, dass ich mit dem Einkaufswagen nicht vorbeikam. „Junger Mann, könnten Sie wohl den Wagen etwas beiseiteschieben?“ Der junge Mann, Mitte 20, rangierte den Rollwagen sofort ein Stück weiter, um mir den Weg freizugeben. Eine alltägliche Szene. Die Anrede „junger Mann“, die mir spontan über die Lippen gekommen war, hätte meine chinesische Kollegin vor große Probleme gestellt. „Junger Mann“: so kann sie niemanden ansprechen. In ihrer Kultur ist die Tatsache, jung zu sein, nichts, worauf man stolz sein kann. Jung zu sein bedeutet, noch keine Erfahrungen gesammelt zu haben, noch nicht im Leben angekommen zu sein, noch keine Verantwortung für sich oder andere übernommen zu haben. Es käme einer Beleidigung gleich, jemanden mit der Anrede „junger Mann“ oder „junge Frau“ ausgerechnet auf diesen Missstand, ja auf dieses Defizit hinzuweisen.

Es versteht sich von selbst, dass Jungsein erst recht nichts ist, worauf man neidisch sein sollte. Dies bringt mich zu meiner Freundin Silvia. Silvias Tochter erwartet ihr erstes Kind und bei einem Kaffee haben Silvia und ich versucht uns auszumalen, wie es wird, wenn ihr erstes Enkelkind geboren sein wird. Bei all den Veränderungen, die auch auf meine Freundin zukommen werden, war eine Frage für sie von besonderer Wichtigkeit. Wie sollte ihr zukünftiges Enkelkind sie nennen? Für meine Freundin stand fest, dass es auf gar keinen Fall die Anrede „Oma“ sein solle. Oma, das klinge so alt, so alt sei sie ja noch gar nicht, erst Mitte 50, da habe sie rein statistisch noch fast 30 Lebensjahre vor sich, vielleicht auch mehr, da es bei ihr keine familiär bedingten Risikofaktoren wie Krebs- oder Herzerkrankungen gäbe. Nein, Oma, das klänge doch sehr altbacken und passe so gar nicht zu ihr, die sie ja noch voll im Erwerbsleben stünde und aktiv ihr Leben gestalte. Ihre Mutter, ja die wäre damals, als Cornelia auf die Welt kam, eine Oma gewesen. Die grauen Haare, die füllige Statur, die auch dadurch bedingt war, dass sie damals schon nicht mehr so gut laufen konnte – auf ihre Mutter hätte diese Bezeichnung absolut gepasst. Aber auf sie doch nicht. Da lägen doch Welten dazwischen. Ich weiß noch, wie sie sehr bestimmt ihre Kaffeetasse absetzte und verkündete, ihr Enkelkind solle sie später einmal mit ihrem Vornamen ansprechen.

In dem Moment ist mir wieder meine chinesische Kollegin in den Sinn gekommen. Cheng Yan respektiert und ehrt ihre Eltern, aber der Begriff „Opa“ oder „Oma“ ist ein ultimativer Ehrentitel. Wie viel Lebenserfahrung, wie viel Fürsorge für das eigene Kind, wie viel Aufopferung für die Familie beinhaltet dieses Wort in der chinesischen Kultur. Eine fremde, ältere Person mit Oma oder Opa anzureden, zeugt von unbedingtem Respekt dem Alter gegenüber und wird als Auszeichnung verstanden.

Vielleicht wäre dieses Verständnis des Alters auch eine Hilfe für Silvia und ihr Enkelkind. Silvias Enkeltochter ist jetzt in der Lage zu sprechen, aber sie kann den Namen „Silvia“ noch nicht richtig aussprechen. Für sie ist ihre Oma jetzt „Silly“.

Birgit

 

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